Eine Anekdote des Alltags – oder – „beschissen ist geprahlt“
Chrissy March 28th, 2010
Ein ganz normaler Arbeitstag, so fing es mehr oder weniger an. Wenn man davon absieht, dass ich hundemüde war. Ich litt an akutem Schlafmangel, verursacht durch einen Monstermoskito der sich in unserem Schlafzimmer einquartiert und mich die Nacht über terrorisiert hatte. Moskito ist nicht gleich Moskito, glaubt mir das, ich habe so manche dieser Viecher unterwegs zur Strecke gebracht. Naja, ich bin also mit zugeschwollenen, müden Augen zur Arbeit gefahren und habe mir beim gähnen mehrfach beinahe den Kiefer ausgerenkt. Bei der Arbeit angekommen habe ich mir den Fuß um geknickt als ich (natürlich grazil wie ein junges Reh) aus dem Auto gehüpft bin. O.k., nur die Nerven behalten, es kann nur besser werden (im Nachhinein die Erkenntnis: das ist ein schei… Spruch und nicht im Geringsten hilfreich). Den nächsten Freudensprung tat ich, als ich erkannte, dass ich alleine eingeteilt war an diesem Montagmorgen. Ein Graus, egal in welcher Schicht, aber in dieser sollte es besonders grausam werden. Die Station ist an Sonntagen geschlossen, das macht die Samstage zu einem spannenden Unterfangen, da alle verbliebenen Patienten auf andere Stationen verteilt werden und zudem alle 17 Zimmer geputzt und gewienert werden müssen. An dieser meiner ersten Montag-morgen-Schicht dachte ich mir also in meiner Naivität, dass es so ohne Patienten und mit komplett geputzten Zimmern nicht so schlimm sein kann. Falsch gedacht, denn an Patienten fehlt es dem Krankenhaus ja nicht und so waren die Zimmer schnell wieder voll. Ich verbrachte den Vormittag damit Patienten auf ihren Betten in eben besagte Zimmer zu schieben und nach dem zehnten Bett ging mir dann doch langsam die Puste aus. Aber nicht genug, einige dieser Patienten waren dann doch auch schnell wieder weg und die Zimmer somit zwar leer, aber wieder dreckig. Also doch putzen. Vier geputzte Zimmer und 20 Patienten schieben später, fühlte ich mich als wäre ein Laster über mich gerollt. Meine Pause hatte ich vor lauter Arbeit ausfallen lassen. Als ich dann irgendwann an diesem so wundervollen Tag mit drei großen Tabletts beladen den Flur entlang wetzte während das Telefon an meinem Gürtel klingelte und eine Patientin mich um Hilfe bat während eine Schwester nach mir rief, war das Fass voll. Ich bin in die Küche, habe die Tabletts abgestellt, das Telefon auf stumm geschaltet, die Tür geschlossen und: geweint. Es musste einfach raus, ich konnte nicht mehr, wusste nicht wo mir der Kopf steht und brauchte dringend eine Pause. Die vielen kleinen Pannen die mir den Tag über unterlaufen sind, schreibe ich gar nicht auf, denn ich bin sicher ihr alle kennt diese Tage. Es ist wie eine Spirale die einen immer weiter hinab zieht und am Ende fällt einem der Stift beim Schreiben aus der Hand, man stößt sich den Zeh am Türrahmen, den Kopf am Regalbrett, lässt ein Glas fallen, etc.
Ein paar aufmunternde Worte, 5 Minuten sitzen und einen Kaffee später war ich dann wieder im Rennen und fühlte mich ein wenig besser und wie ein Roboter habe ich meine Schicht dann ohne größere Zwischenfälle beendet. Da ich die Mittagspause versäumt hatte, durfte ich eine halbe Stunde früher gehen als sonst. Juchuh! Ich bin wie vom Teufel getrieben aus dem Krankenhaus gestürmt und habe mich auf den Feierabend am Pool gefreut. Aber, ihr könnt es ahnen: es sollte alles anders kommen. Ein Lied auf den Lippen, das Herz leicht, bin ich zum Auto, setze mich rein, kramte meine Sachen, kurbelte das Fenster runter, startete den Motor…. Startete den Motor…. Startete… überhaupt nix. Ich brauchte einige Sekunden bis mein Gehirn begriff was da gerade passierte. Ein Schrei und viele vulgäre Flüche, die in diesem Land zum Glück kaum einer versteht, folgten der Erkenntnis: Ich Tölpel hatte das Licht angelassen. Die Batterie platt, ich auch. Ich schwöre Euch, unter der Farbe sind in diesem Moment mehrere Haare schlagartig grau geworden. O.k., auch hier galt wieder: nur die Nerven behalten, es kann nur besser werden. Bereits in diesem Moment hätte mir auffallen müssen, dass an dieser Weisheit etwas ganz und gar nicht stimmt. Verschiedene Möglichkeiten fielen mir ein: jemand musste mir Starthilfe geben, ich könnte eine neue Batterie kaufen gehen, wir wollten eh eine zweite anschaffen, oder ich könnte den Sicherheitsdienst rufen der mir dann weiter hilft. Puh, alles der Reihe nach. Da ich keine Starthilfekabel im Auto hatte musste die jemand anderes dazu steuern. Ich habe also gewartet und immer wenn jemand vorbei kam gefragt, ob er oder sie mir Starthilfe geben könnte. Die Antwort jedes Mal ein Nein, begleitet von bedauerndem Kopfschütteln und einem mitleidigen Blick zum Abschied. Nach einer halben Stunde habe ich diese Strategie dann aufgegeben. Inzwischen hatte ich also meine reguläre Feierabendzeit erreicht. Nächste Möglichkeit: auf zur Tanke und eine neue Batterie kaufen. Die Tanke nicht weit, ich noch recht guter Dinge, fiel schnell auf, dass es nicht so einfach ist eine Autobatterie zu kaufen. Es ist ja schon Mädchen freundlich gemacht gewesen, denn es gab eine Liste mit Automarken und dem passenden Batterietyp den man jeweils benötigt. Nur, dass unser Autotyp nicht auf dieser Liste stand. Schräge Blicke, dumme Kommentare und Witze über Frauen und Autos folgten von Seiten des Kassierers, der dann aber dennoch ein Herz hatte und mich das Telefon benutzen ließ. Denn um die ganze Situation noch ein wenig zu verkomplizieren, hatte Roland das Handy. Genau den habe ich dann auch angerufen und ihn gebeten mir zu versicher, dass es sich auch wirklich um den Wagentyp handelt den ich meinte und um meinem Frust ein wenig Luft zu machen. Einiges Hin und Her, ein weiterer Anruf, ein Rückruf und einiges Kopfschütteln des Kassierers später war klar, das mit der Batterie wird auch nix, da ich nicht wusste welche. Inzwischen war ich bereits ein Stunde damit beschäftigt das Auto wieder ans Laufen zu bekommen. Auf dem Rückweg zum Auto fingen meine Gehirnzellen dann an doch wieder ein wenig zu arbeiten. Daher habe ich auf dem Absatz kehrt gemacht und bei dem hilfsbereiten, aber arrogant überheblichen Kassierer ein Starthilfekabel gekauft, das war ja schon die halbe Miete. Also wieder an den Parkplatz gestellt und Leute angequatscht. Leider hatte ich auch diesmal keinen Erfolg und das, obwohl die Aussies sonst ein ganz besonders hilfsbereites Völkchen sind. Den Frauen schien es zum Teil nicht ganz geheuer zu sein, dass kein Mann dabei war der das mit der Starthilfe schon mal gemacht hat, PAH! Andere waren in Eile oder haben mich einfach beflissentlich übersehen. Ein Typ, dem teuren, neuen Auto nach zu urteilen einer der Ärzte hat mir dann in mitleidigem Lehrerton erklärt, dass er mir keine Starthilfe geben könne, da die Elektrik seines Neuwagens mit der meiner alten Schrottschleuder nicht kompatibel sei. Er kurbelte sein Fenster hoch und brauste in seiner klimatisierten Schwanzverlängerung ab. Och so ein Mist. Die nächste Möglichkeit: Hilfe von den Kollegen. Den Sicherheitsdienst hatte ich über die Sprechanlage übrigens bereits gerufen und wartete nun schon geraume Zeit umsonst auf deren Unterstützung. Also wieder rein ins Krankenhaus, mit dem Lift nach oben und auf die Station. Irritierte Blicke der Kolleginnen folgten und schon bald hatte sich ein Krisenstab um mich versammelt und alle überlegten was getan werden könnte. Eine der Schwestern erklärte sich dann bereit mit mir nach unten zu kommen und mir Starthilfe zu geben. Ich war glücklich und hoffte auf eine baldige Heimfahrt. Wir sind also los Richtung Parkdeck, mein Auto stand auf dem offenen Parkplatz dahinter. Als wir das Krankenhaus verließen fiel uns auf, dass es dunkel war, dabei war es noch viel zu früh. In meinem Gehirn regte sich eine vage Erinnerung an eine Sturmwarnung und wir gaben Fersengeld. Leider war mein Auto zugeparkt und das Starthilfekabel einige Zentimeter zu kurz. Als wir dann gerade so neben den Autos standen und versuchten eine Lösung für dieses Problem zu finden, kam eine Windböe. Gefolgt von einem lauten Donnerschlag. Es dauerte etwa eine Sekunde, in der man die elektrisch geladene Luft knistern hören konnte und uns auffiel, dass nicht ein Geräusch zu hören war, die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm und dann: Pow, die Hölle brach über uns herein. Wir waren sofort nass bis auf die Haut. Ich meine das ernst: sofort und dann folgte Hagel. Golfball große Hagelkörner fielen vom Himmel, machten einen Heiden Lärm, zerschlugen Autofensterscheiben und bedrohten das Leben aller Menschen unter freiem Himmel. Wir sprangen in unsere Autos, wobei meine Helferin dabei den klaren Vorteil hatte, dass ihr Auto noch fuhr. Ich begann damit alle Fenster und Türen des Autos zu verriegeln, hielt mir meine Tasche als Schutz über den Kopf und lief so schnell mich meine Füße trugen in die Tiefgarage. Innerhalb von Sekunden stand der Parkplatz unter Wasser, ebenso das Krankenhaus. Mehrere Abteilungen waren geflutet, der Weg vom Parkplatz zum Haupteingang schien unendlich lang und unüberwindbar. Die Leute standen unter Dachvorsprüngen und suchten verzweifelt Schutz vor der Naturgewalt. Das Ergebnis unserer Bemühungen: mein Auto stand immer noch am gleichen Platz und war jetzt nass, auch von innen. Das Auto meines netten Engels hatte einen Platten, war ebenfalls nass, allerdings mehr von außen als von innen. Zudem waren wir beide klitsch nass und meine Nerven standen kurz vorm Zerreißen. Ich weiß nicht ob ihr das kennt, aber an solchen Tagen komme ich meist an einen Punkt, an dem ich nicht mehr denke: „es kann nur besser werden“, sondern: „es ist so beschissen, ich kann eh nix dran ändern“ und dann flüchte ich mich an die rettenden Ufer des schwarzen Humors und nehme alles mit einer Resignation an, die keine Grenzen zu kennen scheint. Genau an diesem Punkt war ich. Daher habe ich, zurück auf der Station einen heißen Kaffee genossen, Späße über den Tag gemacht und eine Modenschau veranstaltet in der schicken Krankenhauskluft die ich als Ersatzkleidung bekommen hatte. Zudem hatte ich mich bereits damit abgefunden noch eine Weile bleiben zu müssen und mich daher in der Schwesternstation häuslich eingerichtet. Da Roland das Handy hatte, versuchte ich ihn anzurufen um ihm den Stand der Dinge mitzuteilen. Leider waren, dank des Sturms, die Handynetze ausgefallen. Also habe ich versucht die Festnetznummer seiner Arbeit heraus zu finden. Erfolglos. Schlussendlich habe ich ihm eine Email geschrieben mit der Nummer der Station und der Bitte dort anzurufen sobald er die Mail liest. So konnten wir wenigsten kommunizieren. Der Plan war, dass Roland mit Dave, unserem Mitbewohner und Hausmechaniker, vorbei kommt um mich zu retten. Der Sturm war nur leider gerade zu diesem Zeitpunkt über Roland und Dave hereingebrochen und so mussten sie warten bis sie sich wieder auf die Straße trauen konnten. Inzwischen war es 19Uhr (Reguläres Schichtende war 15:00)Ich habe meine Zeit in Resignation auf der Station verbracht, Schwätzchen mit den Schwestern gehalten und einen Kaffee nach dem anderen getrunken. Diese Einöde wurde regelmäßig von meiner Kollegin (ich verschweige den Namen aus Anstand) unterbrochen, die zwar herzensgut ist, jedoch an einem Gehirnzellenmangel leidet. Sie streckte ihren Kopf immer wieder durch die Glastür und fragte mit ihrer unerträglich hohen Stimme: „and, ist the car fixed?“ Meine Antwort zu Anfang noch ein einfaches „nein“, verwandelte sich schnell in ein genervtes „Nein, nicht gefixt“ und endete in einem wütend gefauchten: „Ich sitze hier seit über einer Stunde auf meinem Arsch, draußen ist die Hölle los, wer zur Hölle glaubst Du hat das verflixte Auto geflickt? “ Das leider in der Konsequenz nicht dazu führte, dass sie aufhörte in regelmäßigen Abständen weiterhin die gleiche Frage zu stellen. Ein andere Kollegin, mit deutschen Wurzeln, meinte als sie in ihren Feierabend ging: „Mein Vater meinte in solchen Momenten immer: Beschissen ist geprahlt“. Ja, das traf es recht gut fand ich.
Das Ende meines Motagsmärchens: Die Jungs haben mich gerettet, ich war zuhause als es bereits dunkel war, hatte die Schnauze gestrichen voll, und habe den Rest des Tages damit verbracht stumpf vorm Fernseher zu liegen und bin früh ins Bett. Und ich sag Euch was: Der nächste Tag wurde tatsächlich besser! …
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