Die Mongolei
roland.ellerweg September 19th, 2009
Mit der Mongolei habe ich das bisher aufregendste, abenteuerlichste, naturverbundenste und menschenleerste Land auf der Reise entdeckt. Ich, bzw. nun auch Chrissy, erkunden die unendlichen Weiten die sich uns bieten auf diverse Art und Weise… auf dem Pferd, mit dem Auto, zu Fuß… nur aufs Motorrad schaffen wir es nicht (was aber bestimmt noch nachgeholt wird!). Bevor ich aber weitere Superlative für die Mongolei suche, bzw. weitere Zukunftspläne für die Mongolei schmiede, spule ich doch am besten mal auf den weniger gelungenen Anfang der Geschichte…
Nach 30 Stunden Zugfahrt komme ich in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei an. Dank der langen Wartezeiten an den Grenzübergängen bin ich nicht nur erschöpft von der langen Fahrt, sondern auch noch knallrot von der Höhensonne. Ich zwänge mich mit meinem Rucksack aus der Abteiltür auf den Gang. Aus den Fenstern sehe ich schon eine Gestalt, die der Couchsurferin ähnelt die Chrissy aus dem fernen Deutschland organisiert hat. Eine Deutsche, die sich warum auch immer in der Mongolei niedergelassen hat. Auf dem Bild im Internet sah sie ganz sympathisch aus. Nun aus der Distanz erinnert sie mit ihren dreckigen Klamotten und ihrem bunten Halstuch eher an eine Hippiebraut.
Ich steige aus dem Zug, werfe einen Blick in Richtung Hippiebraut und erwidere das mir entgegengeworfene Nicken. Danach schultere ich meinen Rucksack und gehe zu ihr. Desto näher ich komme, desto deutlicher sehe ich die kirschgroße Warze auf ihrer rechten Wange (ich weiß, Chrissy hat darüber nicht berichtet, aber für meinen Bild-Sensations-Schreibstil ist das natürlich gefundenes Fressen). Als ich unmittelbar vor ihr zum stehen komme, kann ich dann auch noch die sieben, fünf Zentimeter langen, wild gekräuselten Haare die aus der Warze entspringen ausmachen. Ekelhaft. Vielleicht ist es ja schwierig in der Mongolei eine Warze zu entfernen, aber man kann sie doch wenigstens rasieren. Ich reiche ihr die Hand, wir tauschen ein „Hallo“ aus und gehen dann zu ihrem Auto.
Die Hippiebraut hat offensichtlich schon fleißig Pläne mit mir geschmiedet. Noch heute Nachmittag soll es zu einem Nadam draußen auf dem Land gehen. Beim Nadam handelt es sich um eine Art Sportturnier der Mongolen. Disziplinen sind Reiten, Bogenschießen und Ringen. Mir gefällt die Idee und ich willige ein. Sie erwähnt noch, dass ich „dann doch ein bisschen Sprit in den Tank tue“, aber das ist ja nur Fair.
Zunächst fahren wir jedoch zu ihr nach Hause. Sie wohnt einige Km vom Zentrum der Stadt entfernt. Die Straßen sind hier nur noch Sand und Steine. Auch Häuser werden seltener. Stattdessen sieht man überall Gers, das traditionelle Zelt der Mongolen. Auch die Hippiebraut verfügt über 2 Gers, die mit 6 Betten vollgestopft sind. Ungewöhnlich für einen Couchsurfer soviele Betten zu haben. Mir ist das jedoch zunächst mal egal und ich haue mich in eins der Betten.
Nach einigen Stunden nicht wirklich erholsamen Schlaf in einem Brettharten Bett (kein Wunder… alles massiv, auch das Lattenrost), geht’s dann in Richtung des erwähnten Nadams. Nach wenigen KM Fahrt haben wir bereits Ulan Bator verlassen und vor meinem Auge erstreckt sich eine noch nie zuvor gesehene Weite. Freudig wie ein kleines Kind das unter dem Weihnachtsbaum zig Geschenke gleichzeitig betrachtet, blicke ich in alle Himmelrichtungen. Einzig und allein Hippiebrauts Redegelüste trüben den Eindruck. Offensichtlich freut sie sich sehr mal wieder Deutsch zu sprechen, so sehr, dass sie meine eher passive oder sagen wir doch besser desinteressierte Haltung nicht wahrnimmt.
Nach 30 Minuten Fahrt kommen wir bei drei Ger-Zelten zum stehen. Hilde, die Holländerin die Chrissy bereits erwähnt hat, kommt aus einer der Gers mit ihrem Kind Isabella hervor. Sie berichtet mir wie sie die Nacht weit ab von der Stadt und fern von irgendwelchen Lichtern hier verbracht hat. Ich werde neidisch obwohl ich das ganze ja selber bald nachahmen kann. Wir quatschen noch ein bisschen weiter bis wir uns schließlich auf den Weg zum Nadam machen. Auf den Weg heißt dabei, dass ich mit Hippiebraut, deren Wortschwall immer noch nicht versiegt ist, im Auto zum Nadam fahre während Hilde und ihre Tochter mit den Ger Besitzern dort hin reiten. Gott was hätte ich zu dem Zeitpunkt gegeben um auch auf einem der kleinen mongolischen Pferde zu sitzen…
Das Nadam liegt nur etwa 15 Minuten entfernt von den eben besuchten Gers. Es ist relativ leer entgegen der Behauptung meiner Gastgeberin, die meinte, dass hier der Bär steppt. Genau genommen sind wir die einzigen Zuschauer. Wir bleiben einige Stunden da, fotografieren viel und trinken gegorene Pferdemilch mit den Siegern der Bogenschützen. Danach geht’s gemeinsam, also mit Hilde und Tochter, nach Ulan Bator.
Am nächsten Tag landet dann auch schon meine Chrissy. Hippiebraut und ich fahren zum Flughafen um sie abzuholen. Gerade als wir in den Flughafen rein marschieren stürzt sich mein zu früh gelandetes Schatzi auf mich. Nach ausgiebigen Knuddeln und Knutschen kommt Chrissy dann auch endlich dazu Hippiebraut zu begrüßen. An ihrem Blick konnte ich dabei das „wer zur Hölle ist das denn?“ ablesen.
Es folgten 2 Tage kollektiven genervt seins. Hippiebraut folgte uns auf Schritt und Tritt und übernahm zudem noch die Meinungsbildung. Sie definierte wohin wir als nächstes gehen und brachte uns dazu irgendwelche Dinge fürs „Gemeinwohl“ zu kaufen. Beispielsweise hatte ich den Wunsch geäußert, Pferdefleisch zu probieren woraufhin sie uns gleich auf den Markt schleppt, 2 Kg Pferdefleisch in die Hand drückt und dann zur Kasse schickt. Wir gaben uns jedoch geduldig. Immerhin stellt sie uns ihr Dach kostenlos zur Verfügung. Der Geduldsfaden riss schließlich als wir feststellten, dass sie uns bei einer von ihr angebotenen Jeep Tour übers Ohr hauen wollte. Die lokalen Angebote aller Reiseveranstalter waren deutlich geringer als ihr Preis. Wir stellten sie diesbezüglich zur Rede…evtl. ergibt ihre Preisbildung ja einen Sinn. Sie konnte jedoch leider keine Erklärung bieten weswegen wir schleunigst in ein Hotel umgezogen sind.
Bereits am nächsten Tag merkten wir wie wir alle wieder ein wenig relaxten. Hippiebraut hat doch für mehr Aggressionsstau gesorgt als uns eigentlich bewusst war. In Ruhe klapperten wir verschiedene Reiseveranstalter ab. Bei einem mieteten wir uns einen Van mit Fahrer ohne Englischkenntnisse (45$ den Tag) für die gesamte nächste Woche. Ich glaube ich war zudem Zeitpunkt der einzige der wusste, dass der Reiseveranstalter mit „ohne Englischkenntnisse“ auch ohne Englischkenntnisse meinte.
Der Beweis dafür kam prompt. Am nächsten Tag stapfte Hilde auf den Fahrer zu und laberte ihn auf angelsächsisch voll. Der Fahrer hebt darauf nur die Schultern und schüttelt den Kopf. Hilde wiederholt alles nochmal, nur ein wenig langsamer. Doch der Fahrer schüttelt auch dieses mal nur den Kopf. Schließlich schmeißt Hilde alle Füllwörter aus ihren Sätzen raus und spricht nur noch die Keywords in Zeitlupe aus. Auch das kann der Fahrer nicht verstehen und ich muss mir bei dem Prozedere das Grinsen verkneifen. Ich hole die Karte und deute auf einen Punkt zu dem wir wollen. Das scheint der Fahrer zu verstehen (ansonsten wär auch echt was schief gegangen) und wir machen uns auf den Weg in Richtung Harhorin, der alten Hauptstadt der Mongolei.
Rund um Ulan Bator fahren wir zunächst auf gut ausgebauten Straßen. Ca. 30 KM später sind wir jedoch nur noch auf sandigen Feldwegen unterwegs. Ich versuche verzweifelt auf dem Beifahrersitz die Orientierung zu behalten. Nach ein paar Richtungswechseln gebe ich das jedoch auf und vertraue einfach auf unseren Fahrer. Dieser scheint auch ohne Straßenschilder, Kompass oder sonstige Hilfsmittel seinen Weg zu finden.
Als wir nach einigen Stunden Fahrt die vermeintliche Strecke in Richtung Wildniss verlassen, kommen mir doch Zweifel an den Orientierungsfähigkeiten unseres Fahrers. Zudem sieht er selber ein wenig verunsichert aus, blickt sich ständig um und fährt einige Schleifen. Wir versuchen zu fragen, was er denn vorhat, aber die Sprachbarriere ist zu groß. Wir entscheiden uns ihn einfach machen zu lassen. Schließlich, auf einer Anhöhe, deutet er auf einen Platz zwischen zwei großen Felsen und fragt „Tent?“. Für uns stellt der gezeigte Ort wohl den schönsten Campingplatz den wir jemals hatten dar. Unsere Augen fangen an zu leuchten und wir nicken eifrig (einige Fotos von dem Campingplatz sind unten zu sehen).
Die Woche geht munter weiter. Unser Fahrer führt uns von einem schönen Fleck der Mongolei zum nächsten. Wir reiten, campen, baden in eiskalten Flüßen, sehen zu wie ein Schaf geschlachtet wird und schlafen in den Gers einiger mongolischer Familien (die übrigens manchmal ihre Kinder aus den Gers rausschmeißen damit wir dort schlafen können – das macht schlechtes Gewissen). Überall wurden wir herzlichst empfangen (nun gut… wir waren auch zahlende Kundschaft) und die Woche wird wohl lange in unserer Erinnerung bleiben.
Nach der Reise ins „Abenteuerland“ schafft es Ulan Bator erstaunlich schnell einen wieder in die Wirklichkeit zurückzuholen. Überall Dreck und Mongolen die die Touristen abziehen wollen. Wir wollen die Stadt möglichst schnell wieder verlassen und so besuchen wir nur das Nadam in Ulan Bator (was einen großen Hype verursachte uns aber nicht wirklich vom Hocker riss) und kümmern uns um das chinesische Visum (was viele Nerven kostet). Danach geht’s wieder in die unendlichen Weiten der Mongolei…
Tipp: Wer in die Mongolei reist sollte nicht zu viel in Deutschland (Europa) buchen. Zwei Holländer berichteten, dass sie sich in einem holländischen Reisebüro über Ausritte in der Mongolei erkundigt hatten. Diese Ausritte sollten 20 – 30 Euro pro Pferd, pro Tag kosten. Vor Ort kriegt man das Ganze für 4000 Tugriks was umgerechnet 2 Euro sind.
[...] schreibt auf undtschuess.dword.org anschaulich über seine Reiseerlebnisse in der Mongolei. Wir bringen hier ein paar behutsam [...]
Ihr Lieben, ich muss gestehen ich war schon länger nicht mehr auf Eurer Seite, weil zu viel zu tun war, aber es ist immer wieder toll ein paar Eindrücke mitzubekommen. Erleben ist sicherlich noch etwas GANZ anderes, aber es ist schön, dass ihr zumindest Bilder, Filmchen und Erlebnisse mit uns teilt!
Weiterhin ganz viel Spaß!
Eure Caro
PS: Fantastische Bilder!!!